Mammutprojekt Website:
Lohnt sich der Aufwand?
Warum ich mit meinen Websites begann
Das Eisenbahn-Virus wurde mir in die Wiege gelegt. Im Alter von nur vier Jahren stand ich regelmäßig mit meiner Mutter auf Brücken, um den Lokfahrern zuzuwinken. Schon immer war ich total in die Baureihe 103 verschossen. Für mich existierte nur diese Schnellfahrlok. Doch dann bekam ich ein Kartenspiel geschenkt. Als ich dort den orangen TGV Sud-Est das erste Mal sah, verliebte ich mich auf den ersten Blick in diesen Hochgeschwindigkeitszug. Später bekam ich überraschend meine erste Eisenbahnzeitschrift geschenkt: das Eisenbahn Magazin vom November 1989. Wow, ein silberner TGV Atlantique, der 300 km/h erreicht? Hammer! Ein Jahr später besuchte ich meinen Brieffreund in Frankreich. Das erste Mal reiste ich mit dem TGV. Auf dem Weg von Paris nach Anger kamen mir bei Tempo 300 vor lauter Euphorie die Tränen. Hochgeschwindigkeitszüge waren genau MEIN Ding!

Foto: TGV Atlantique
1995 durfte ich im Führerstand vom ICE 1 mitfahren. Diese unvergessliche Fahrt von Würzburg nach Kassel-Wilhelmshöhe und zurück beeindruckte mich tief. Wieder ein Jahr später gönnte ich mir eine „Europatour“ mit Hochgeschwindigkeitszügen: ICE, TGV, AVE und Eurostar standen auf dem Programm. Besonders die AVE-Fahrt von Madrid nach Sevilla und zurück hinterließ einen bleibenden Eindruck; mit „toujours“ 300 km/h durch eine bizarre Landschaft zu rasen, war gigantisch. Wieder zu Hause angekommen, schrieb ich einen Artikel über den AVE S-100. „Eigentlich müssten das auch andere lesen!“

Foto: AVE Serie 100
Nun ja, auf dem European Railway Server gab es schon Seiten über den ICE, TGV und AVE. Also suchte ich mir eine „Marktlücke“. Als Straßenbahn-Fan war mir sonnenklar, dass ich eben eine Website über die Würzburger Straßenbahn erstellen werde, zumal gerade die neuesten Flaggschiffe (GT-N) anrollten. Ausstaffiert mit vielen Unterlagen seitens der WSB entstand Ende 1996 mein erster Internetauftritt. Schnell wurden Kontakte zu Straßenbahnfreunden aus anderen Städten geknüpft, man gehörte zu einer tollen Community.

Foto: GT-N der Würzburger Straßenbahn
1998 stolperte ich jedoch über eine mega gute Website: byun byun shinkansen. „So viele Hochgeschwindigkeitszüge gibt es in Japan? Das müssen auch andere erfahren!“ Mein Entschluss war gefasst: „Jetzt muss auch eine Website über Hochgeschwindigkeitszüge her!“ Mein Ziel war es, jeden Zug in einem kurzen Artikel von umgerechnet einer DIN-A4-Seite vorzustellen, garniert mit drei Fotos und ein paar technischen Daten. So um die 20 DIN-A4-Seiten schienen machbar zu sein.
Der immense Aufwand, eine Website zu betreiben
Sammeln, Recherchieren, Schreiben und Aktualisieren
Das Horten von Informationen für die Recherche
Als Betreiber einer Website investiert man in erster Linie in Zeit. Alles beginnt mit der Informationsbeschaffung. Bereits Mitte der Neunzigerjahre kaufte ich mir jede Menge Zeitschriften und Bücher über schnelle Züge. Regelmäßig schaute ich bei Newsportalen und themenverwandten Internetseiten vorbei; wichtige Infos speicherte ich ab. Beim Recherchieren nervte mich aber das langwierige Suchen und Herumblättern in den Printmedien. Also scannte ich alles ein und dachte mir ein sinnvolles Namens- und Ordnerschema aus. OCR und Spotlight von Mac OS X beschleunigten ab 2005 das Auffinden von Informationen, die sich auf der Festplatte breitmachten. In späteren Jahren entdeckte ich viele gute Videofilme und Podcast-Episoden rund um den Schienenschnellverkehr. Mit Ernüchterung musste ich feststellen, dass einige nur temporär zur Verfügung standen und wieder in der digitalen Versenkung verschwanden. Also filmte ich sie ab und speicherte sie lokal. Doch wie soll ich bestimmte Themen wiederfinden? Die Lösung bestand darin, die Videos mit Zeitmarkierungen zu verstichworten. Suche ich beispielsweise nach dem Begriff „Tunnelknall“, erscheinen alle Film- und Tonaufnahmen, in denen das Thema vorkommt. Klicke ich auf den Link, wird innerhalb der Aufnahme zur entsprechenden Position gesprungen und die Aufnahme abgespielt.

Verstichwortung von Videofilmen und das Setzen von Kapitelmarken für die Recherche
Der Aufwand beim Schreiben von Artikeln
In der Anfangszeit las ich mich zuerst in ein Thema ein und schrieb dann einfach darauf los. Abschließend las ich alles Korrektur und schon konnte der Artikel online gehen. Diese Vorgehensweise war zwar zeitsparend, aber nicht nachhaltig. Schnell schlichen sich Ungenauigkeiten à la Flüsterpost ein. Vor allem bei umfangreichen Recherchen stimmte das, was ich las, nicht mehr genau mit dem überein, was ich schrieb. Widersprüchliche Angaben in den Quellen entgingen mir manchmal, oder es schlichen sich Zahlendreher ein. Vor vielen Jahren schrieb ich einen gesonderten Bericht über das ICE-Unglück bei Eschede. Als ich ihn einem Bekannten vorlas, wurde er bleich um die Nase: „Das kannst du doch nicht schreiben! Da wirst du doch verklagt!“ „Wieso? Die Fakten stimmen doch so“, wiegelte ich ab. Und doch, um auf Nummer Sicher zu gehen, nannte ich erstmals die Quellen, auf denen mein Artikel basierte. Seitdem führe ich generell alle Quellen am Ende der jeweiligen Seite an.
Es hat sich bewährt, zuerst eine Stoffsammlung zu machen, daraus eine Gliederung zu bauen und dann erst mit den Ausführungen zu starten. Mit der Zeit gab ich mich nicht mehr mit drögen Info-Dumps zufrieden. Zusätzliche Hintergrundinformationen zu Land und Leuten, politischen Entscheidungen sowie persönliche Eindrücke von Reisenden machen das Lesen kurzweiliger. Die Jahre vergehen wie im Flug. Irgendwann sind die Seiten in der schnelllebigen Welt der Hochgeschwindigkeitszüge veraltet – manchmal so sehr, dass ich mich für eine komplette Überarbeitung oder gar eine Neuerstellung entscheide. Jede noch so kleine Aktualisierung muss nahtlos in den Kontext passen, wofür man sich ebenso ausreichend Zeit nehmen sollte. Noch ein Gedanke zum Umfang meiner Websites. Über die Straßenbahn in Würzburg schrieb ich inzwischen umgerechnet um die 50 DIN-A4-Seiten Text. Das ist jedoch nichts im Vergleich zur Superzug-Website. Deren Textumfang liegt aktuell bei sage und schreibe 1070 DIN-A4-Seiten. Den Content als Einzelperson stets auf den aktuellen Stand zu halten, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das musste ich lernen zu akzeptieren.
Eine Website verursacht Kosten
Kosten für Hard- und Software
Im Laufe der Jahre versenkte ich jede Menge Geld in Hard- und Software. 2003 gönnte ich mir meine erste Spiegelreflexkamera. 2005 wich die Nikon F80 einer Canon EOS 20D, 2011 diese wiederum einer EOS 60D. 2004 kam ein Diascanner ins Haus, der aber dank Digitalkamera alsbald obsolet wurde. Heutzutage nutze ich meist mein Smartphone für Fotos und Videoaufnahmen, das zwar nicht günstig ist, aber unabhängig vom Hobby im Alltag präsent ist. Auch Software geht gut ins Geld. Fotoabzüge bearbeitete ich zuerst mit Corel PhotoPaint 7 aus dem Jahr 1996. Anfang 2000 kaufte ich mir Macromedia Dreamweaver 3, um den HTML-Code nicht immer im Notepad von Windows NT eintippen zu müssen. Später nutzte ich Adobe GoLive in den Versionen 5 bis 9, die mir der Hoster meines Vertrauens bei Vertragswechseln kostenlos zur Verfügung stellte. Macromedia Flash wuchs seinerzeit zu einem tollen Multimedia-Werkzeug heran – ideal, um interaktive Streckennetzkarten zu erstellen. Meine erste Version war Flash MX. Später aktualisierte ich auf Flash CS3. Mein Highlight war jedoch der Kauf der Adobe Creative Suite 4 Premium. Es war ein Rundum-sorglos-Paket, was den Spaßfaktor beim Erstellen des Content spürbar erhöhte.
2013 wagte ich mich an das Filmen und Schneiden von Videos. Dafür legte ich mir Adobe Premiere Elements 12 zu. Die Bedienung war zwar alles andere als flüssig, aber die Ergebnisse mehr als befriedigend. Aber in Zeiten von 4K-Rohmaterial und einem inkompatiblen Computersystem wechselte ich zum kostenlosen DaVinci Resolve.

Reisekosten
Natürlich möchte man nicht nur über die schnellen Züge schreiben, sondern sie auch fotografieren. Dafür reiste ich öfters nach Frankreich, aber auch nach Spanien, Italien, Österreich und in die Schweiz. Freilich fuhr ich auch mit den Hochgeschwindigkeitszügen, um den Komfort aus der Sicht eines Fahrgastes auszuprobieren und – natürlich – um das hohe Tempo zu genießen.
Laufende Kosten für das Hosting
Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist. Seit 2001 zahle ich monatlich für das Hosting meiner Websites. Es hört sich nach nicht viel Geld an, wenn ich von 15 Euro pro Monat spreche. In 25 Jahren läpperte es sich auf 4500 Euro zusammen.
Lernen, lernen, lernen
Überschwappende Begeisterung für Straßenbahnen und Hochgeschwindigkeitszüge motivierte mich, nicht nur über die Fahrzeuge und Strecken zu schreiben, sondern auch die technischen Herausforderungen anzunehmen, die mit der Erstellung eines eigenen Internetauftritts verbunden sind. Mit einem Buch eignete ich mir 1996 HTML 3.2 an. Später kamen die Cascading Style Sheets (CSS) dazu. Dann erlernte ich den Umgang mit Macromedia Dreamweaver und GoLive. Für die Bildbearbeitung nutzte ich Corel PhotoPaint, Photoshop 6, 9 und CS4 samt RAW-Entwicklung. Ganz begeistert war ich von Macromedia Flash. Mit diesem Werkzeug erstellte ich interaktive Streckenkarten. Dazu musste ich mich mit dem Konzept der Timeline vertraut machen und mich in ActionScript einarbeiten. Ein ganz großer Schritt war die Umstellung von statischen HTML-Seiten zu dynamischen Seiten auf Basis von PHP und MySQL. Auch diese Programmiersprache musste ich erlernen, zusammen mit der Sprache zur Verwaltung und Abfrage relationaler Datenbanken. Das Thema Sicherheit rückte plötzlich in den Fokus, weil Nutzereingaben verarbeitet werden – und das leider nicht immer mit guter Absicht. Dazu ackerte ich ein Buch über sichere Webanwendungen mit PHP durch und setzte die Tipps um.

Interaktive Streckenkarte mit Flash MX von 2003
Videoproduktion ist ein komplexes Aufgabenfeld. Die Einarbeit in Adobe Premiere Elements ist eine Sache. Sich ein Drehbuch auszudenken und ein Gespür für den richtigen Schnitt zu entwickeln, ein komplett anderer. 2014 veröffentlichte ich eine 30-minütige Dokumentation über die Würzburger Straßenbahn. Es folgten viele kleinere Videoprojekte über die WSB. Weil Premiere Elements irgendwann nicht mehr auf aktueller Hardware lief, wechselte ich zu DaVinci Resolve. Wieder war ein Umlernen notwendig.
Auf veränderte Umstände eingehen
In den 2010er Jahren verschwand Flash langsam in der Versenkung. Das ärgerte mich sehr, hatte ich doch inzwischen eine europaweite, detaillierte, interaktive Streckenkarte aufgebaut, mit Ausbau- und Neubaustrecken samt Daten dazu. Außerdem konnte man sich anzeigen lassen, wo welche Baureihen verkehrten. Flash MX, Flash CS3, Flash CS4 sowie einige Videotraining-CDs waren plötzlich wertlos. Eine gute Alternative sind Karten im SVG-Format. Mit JavaScript lassen sie sich ebenfalls dynamisch verändern. Außerdem surften die Besucher zunehmend mit dem Smartphone, also musste eine mobile Version auf Basis von jQuery Mobile her. Das Konzept war allerdings nicht sehr befriedigend. Letztendlich baute ich eine von Grund auf neue, responsive Website, bei der auch das Backend komplett auf neue Beine gestellt wurde, zuerst für die Superzug-, dann für die Straba-Website. Wieder war es ein Kraftakt, der sich über Monate hinzog.

Interaktive Streckenkarte mit Flash CS5
Lohnt sich das „Mammutprojekt Website“?
Eine Website zu betreiben ist teuer
Mietkosten für das Hosting, Reisekosten sowie die Anschaffung von Hard- und Software hinterlassen deutliche Spuren im Portemonnaie. In Zeiten von guter und vor allem ausgereifter OpenSource-Software lässt sich mittlerweile aber auch jede Menge Geld sparen. Am kostenintensivsten ist jedoch der Zeiteinsatz – zum Recherchieren, Schreiben und Aktualisieren der Inhalte. Außerdem muss man bereit sein, kontinuierlich zu lernen und auf Veränderungen im Internet flexibel zu reagieren. Könnte ich die Ausgaben zumindest finanziell wieder reinholen? Eine Möglichkeit wäre, Werbung zu schalten. Doch ich kann Werbung nicht ausstehen und mute sie auch keinem meiner Besucher zu. Fotos verkaufen geht nicht, denn die Züge sind als „Geschmacksmuster“ geschützt. Einnahmen durch Spenden (Flattr wäre mal eine Option gewesen) hätten aufwendig bei der Steuer angegeben werden müssen, weswegen ich auch darauf verzichtete.
Es gibt mindestens eine gute Alternative
Hätte ich Ende der Neunziger geahnt, dass in einer künftigen Online-Bibliothek namens Wikipedia detailliertere, ausführlichere und aktuellere Informationen über Superzüge und Schnellfahrstrecken erscheinen würden – und auch noch in mehreren Sprachen – dann hätte ich keinerlei Sinn darin gesehen, selbst eine Onlinepräsenz aufzubauen.
Wo ist die Community?
Mit meinem Faible für Züge und Straßenbahnen stehe ich in meinem Verwandten- und Bekanntenkreis quasi alleine da. Als ich in den Neunzigern noch voller Begeisterung übersprudelte, dachten meine Mitmenschen, ich käme von einem anderen Stern. Mit dem Start meiner Websites öffnete sich dagegen eine große Türe zu Gleichgesinnten. Ich genoss die tolle Community in vollen Zügen. Mit dem Verschwinden der meisten privat betriebenen Internetpräsenzen verstummten leider viele nette Kontakte. Bekam ich Anfang der Zweitausenderjahre noch viel konstruktives Feedback und Fotos, sind heute 10 Mails pro Jahr – beide Websites betreffend – Standard. Wie schade! Vielleicht könnte ich sie in der Social-Media-Welt wiederfinden, doch das ist für mich keine Option. In Diskussionsforen würde ich mich ebensowenig wohlfühlen, angesichts einer inzwischen ausufernden, kniefieseligen Diskussionskultur und rüder Umgangstöne, wie sie beispielsweise bei ICE-Treff (Link) oder Drehscheibe Online mehrfach (Link 1, Link 2) beklagt werden. Eine gute Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen, bieten Events. Beim Tag der Schiene 2024 bei Siemens in Krefeld hatte ich Fragen, die man mir adhoc nicht beantworten konnte. Obwohl ich meine Kontaktdaten zurückließ, kam nie eine Nachricht. 2024 war ich auf der Bahnfachmesse InnoTrans in Berlin. Zwar gab ich viele Kontaktkarten ab, doch nicht eine einzige Person melde sich bei mir postum. Enttäuschend!
Trotzdem mache ich weiter
Würde ich heute nochmal eine Website erstellen? Also wenn ich vorher gewusst hätte, wieviel Zeit, Geld und Anstrengung meine Internetpräsenzen kosten, hätte ich nie damit angefangen. Stattdessen hätte ich mich lieber als Wikipedia-Autor betätigt und bei Wiki Commons Bildmaterial beigesteuert. Aber nun sind meine Websites seit 28 und 30 Jahren online. Nach wie vor ist die Begeisterung für schnelle Züge und langsame Straßenbahnen ungebremst, was mich motiviert, auch weiterhin an meinen Websites zu arbeiten.